Walter Grasskamp: »Das Kunstmuseum – Eine erfolgreiche Fehlkonstruktion«

 

Die Museumskrise ist evident. Drohenden Schließungen tradierter Einrichtungen, wie die des Museums Morsbroich oder des Deutschen Museums in Bonn auf der einen Seite stehen private Sammler gegenüber, die für ein einziges Werke Summen zahlen, die den Jahresetat des Museums einer mittelständischen Kleinstadt um das tausendfache übersteigen. 

Der Kunstwissenschaftler Walter Grasskamp erinnert sich beinahe wehmütig an die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, in denen die Zukunft der Museen in leuchtendsten Farben gemalt wurde. In einer 1971 erschienenen Publikation zum Thema beschworen 43 Autoren (und eine Autorin) die große Bedeutung des Museums für die demokratische Gesellschaft. „Kultur für alle“ lautete das Leitmotiv damals, das Museum müsse ein Ort des Lernens und der Bildung werden, Schwellenängste kulturferner Schichten sollten abgebaut und damit der „Schaffung von Bewusstsein“ mittels Kunst und Kultur genüge getan werden. Diese Aufbruchstimmung hielt etwa 15 Jahre an. Es folgte die Ernüchterung. Bereits 1993 erschien die erste Denkschrift mit dem Titel „Kunstmuseen in der Krise“ ein paradigmatischer Titel, der aus Sicht der allermeisten Museumsbeschäftigten, bis heute Gültigkeit hat.

Einer der Ursachen für die anhaltende Zitterpartie, so der Theoretiker, sei die spezifische Ökonomie des Kunstmuseums. Diese, so die zentrale These, sei von Grund auf paradox. Sie entziehe sich rationaler Handlungstheorien: „Ihre Protagonisten handeln widersprüchlich und emotional, neigen zu Verschwendung und schwer auslotbarer Emotionalität, problematisieren ihre Bedürfnisse und erkunden sie bis hin zur Selbstzerstörung, verhalten sich unberechenbar und riskant statt ergebnisorientiert und motivsicher.“

Die Museen erwürben teure zeitgenössische Kunst, die oft schlecht gemacht und kaum zu konservieren sei, kurz gezeigt verschwände sie bald auf ewig im Depot, wo sie weitere Folgekosten verursache, für Versicherung, Lagerraum und Klimatisierung, Bewachung und Konservierung, Restaurierung und Präsentation. Folgekosten, die ein Museum im Zweifelsfall nie wieder loswerde, da die staatlich finanzierten Einrichtungen einem musealen Verkaufstabu unterworfen seien. Betriebswirtschaftlich gesehen, ein Fiasko. Und doch entstünden immer größere Museen, die Künstler dazu verführten, immer größere Werke zu schaffen und damit noch höhere Kosten zu verursachen. Wie beim privaten und obsessiven Sammeln könne man sich auch hier fragen, ob es sich nicht um entgleiste Vorratshaltung handele. Grasskamp stellt die Legitimität der öffentlichen Finanzierung von Kunstmuseen in Frage angesichts der Tatsache, dass sie ihren Kernaufgaben, oft nicht mehr nachkämen. Anstatt zu „bewahren, forschen, vermitteln“ läge der Focus inzwischen vielerorts auf betriebswirtschaftlichem Handeln. Er bezweifelt deshalb, dass die Museen künftig ihrer gesellschaftlichen Aufgabe gerecht werden können, da sie zudem einer gewissen Generationenverwerfung unterlägen. Zwar seien viele Museen in den Metropolen mit ihren Mega-Events touristische Attraktionen geworden, in der Provinz hingegen würden Museumshäuser hauptsächlich von Senioren besucht, was das Interesse der Jungen mehr oder weniger zwangsläufig ausschließe. Es sei damit zu rechnen, dass auf die rüstige Rentnergeneration, die sich im Alter gerne etwas gönnt, kein jüngeres Publikum folge, da diese als digital natives an das Internet verloren seien.

Zu viele epochale Veränderungen habe man in den vergangenen vier Jahrzehnten seit der massenhaften Verbreitung von Inhalten im Netz erlebt, niemals damit gerechnet, dass gedruckte Lexika und Wörterbücher, Best- und Longseller in der Geschichte der Druckereierzeugnisse, in überwiegender Zahl vom Markt verschwinden würden. Zwar sei es richtig, dass immer noch viele Menschen ins Kino gingen, obwohl sie den Film ihrer Wahl auch zu Hause ansehen könnten. Ob das aber in Zukunft noch so sei und der Rembrandt im Museum weiterhin attraktiv bliebe, obwohl er auch vom heimischen Sofa auf verschiedenen Screens bequem zu betrachten sei? Die Verhäuslichung des Kulturkonsums, so der Kunsttheoretiker, müsse zwangsläufig zu weiterem Besucherschwund führen. Wenn die von Benjamin beschworene und bis heute vielfach nach- und angebetete „Aura“ des Kunstwerks, die nur durch ihre Materialität, ihr Faktisches „spürbar“ sei, die spezifische Attraktion des Museums bliebe, sei fraglich, ob das ausreiche, künftige Besucher weg vom eigenen Bildschirm, in die musealen Ausstellungsstätten des 19. und 20. Jahrhunderts zu locken.

 

Grasskamps kritische Bestandsaufnahme lässt wenig Hoffnung für die staatlichen Kulturinstitutionen vor allem die kleineren Museen außerhalb der Metropolen.

Eine Lösung für das Dilemma bietet das Buch nicht. Liegt es doch im Wesen eines solchen, dass es im Gegensatz zu einem oder mehreren Problemen, keine Lösbarkeit in sich trägt. Probleme kann man lösen, mit Dilemmas muss man leben.