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The Twelve

Im siebten Stock des Designkaufhauses ist eine große weiße Leinwand aufgebaut, erwartungsvolle Blicke richten sich auf die junge Frau davor. Sie trägt legere Jeans, darüber ein schlichtes weißes Hemd, am Handgelenk silberne Armbänder mit einem funkelnd-blauen Steinen. Das mittelblonde, glatte lange offene Haar umrahmt ihren strahlenden Blick. Sie lächelt, als sie das Publikum auffordert, den nachfolgenden Film mit dem Herzen, als Meditation zu sehen. Der Mann links neben mir runzelt die Stirn.

Lucy Martens hat für ihre Dokumentation „The Twelve“ zwölf Länder bereist, um dort die Ältesten der Indigenen Stämme nach dem Zustand unserer Erde zu befragen. Die Antworten, die sie von den „zwölf Weisen“ bekommt, sind wenig überraschend. Dass unsere Mutter Erde krank sei, dass sie leide unter unserer Gier, unserem Drang die Natur immer weiter auszubeuten und damit in nächster Zukunft völlig zu zerstören, wir würden es vielleicht anders formulieren, aber im Grunde wissen wir es längst. Der Film zeigt eindringliche Bilder von unberührter Natur, von Menschen mit bemalten Gesichtern und kleinen Federn im Ohr, von glücklichen Kindern fernab von Smartphone und Playstation. Ein quasi-paradiesischer Zustand, der umso stärker wirkt, als er mit nur wenigen Bildern von vermüllten städtischen Brachen irgendwo in Südamerika kontrastiert wird. Der Film sei durch Crowdfunding finanziert worden, erzählt die Dokumentarfilmerin, die „The Twelve“ jetzt im Rahmen einer Preshow-Tour bekannt machen will. Einen Verleih wird der Film nicht bekommen. Damit ihn sich möglichst viele Menschen überall auf der Welt ansehen können, soll er per Download von der Website frei gegeben werden. Die in London lebende Dokumentarfilmerin glaubt, dass die Botschaft der Indigenen so möglichst viele Menschen erreichen könne. Mein Sitznachbar hustet, als die Kamera, verstärkt von eindringlichen Klaviertönen und elektronischen Geigen die zwölf Weisen nach New York begleitet, wo sie im November 2017 im Gebäude der Vereinten Nationen in einem kleinen Hinterzimmer, weitestgehend unbemerkt vom politischen Tagesgeschäft, ein Ritual zelebrieren, das, von Gesängen, Tänzen und dem Verbrennen von Räucherwerk begleitet, unsere Erde heilen soll.

„The Twelve“ überrascht angesichts der Filmografie von Lucy Martens. Die 39jährige wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet für ihre intensiven Reportagen und Dokumentationen. Zum Beispiel „Women, War & Peace“ eine eisenharte, hochpolitische Dokumentation über die Gewalt der Frauen in bewaffneten Konflikten ausgesetzt sind oder die BBC Dokumentation „Out oft the Ashes“ über das afghanische Cricket-Team, das aus den Flüchtlingslagern zur Weltmeisterschaft reist. Ein Film, der auf eine sehr realitätsnahe und gleichzeitig humorige Art Menschen zeigt, die versuchen nach Jahren des Krieges zu einer Art Normalität zurückzufinden. In vielen ihrer Filme geht es um Brutalität und Gewalt, um bewaffnete Konflikte, Hunger und Tod. Die Entscheidung, selbst Dokumentarfilme zu drehen habe sie getroffen, nach dem sie eine Reportage über die chinesischen Sterbezimmer gesehen hatte, erzählt sie, da sei sie gerade 18 Jahre alt gewesen, kurz nach dem Abitur in Hamburg. Nach dem Film-Studium in London und drei Jahren in Dubai, wo sie eine Doku für BBC World drehte, reiste sie für einen Film über Friedensaktivisten nach Palästina, es folgten Produktionen für PBS in den USA, die BBC und verschiedene Nichtregierungsorganisationen unter anderem in Somalia und Syrien. „The Twelve“ scheint eine radikale Abkehr von den grausamen Bildern der Krisenregionen zu sein, ein – nicht nur - visueller Gegenentwurf zu unserer perspektivlosen Selbstzerstörung.

Der Film betört nicht nur durch wunderschöne Bilder, er schürt die leise Hoffnung, es könne doch noch einen Ausweg aus der menschengemachten Katastrophe geben. Tief beeindruckt sei sie gewesen, von der Spiritualität der Indigenen, berichtet die Filmemacherin, die Arbeit an dem Film habe sie stark verändert, sie selbst sei dadurch offener geworden für die Natur und die Dinge jenseits von Himmel und Erde. Besonders in Kalifornien habe sie durchweg positive Reaktionen auf den Film bekommen, die Menschen dort seien sehr empfänglich für spirituelle Ideen. In Hamburg fragt ein sehr blonder jüngerer Mann in grünem T-Shirt zaghaft, ob wir es uns nicht zu einfach machen würden, wenn wir glaubten, dass zwölf Leute unseren Planeten retten können? Und eine ältere Dame erkundigt sich besorgt, ob die Medizinmänner und -frauen denn wenigstens Nachfolger hätten, sie seien schließlich selbst schon älter? Lucy Martens lächelt. Der Film, erklärt sie abschließend, sei eine Aufforderung bei sich selbst anzufangen und dadurch mitzuwirken an der Veränderung.